Eine Bandscheibenoperation ist nach Ihren bisherigen Ausführungen ganz offensichtlich nicht immer notwendig. Wie oft m u s s denn operiert werden?
Der größte Teil der bandscheibenbedingten Erkrankungen und deren Folgen kann durch konservative Behandlungsmaßnahmen bzw. durch minimal invasive Eingriffe behandelt werden. Jährlich werden allein 100.000 Bandscheibenoperationen in der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt. Wenn man die Patienten berücksichtigt, die entsprechend der strengen Kriterien zur Durchführung einer offenen Bandscheibenoperation aufgrund einer Blasen-Mastdarm-Störung und neurologischer Ausfallserscheinungen hätten operiert werden müssen, dann muss festgestellt werden, dass über 90 % dieser oben genannten Bandscheibenoperationen nicht notwendig gewesen wären.
Konservative Behandlungsmassnahmen nicht genügend einbezogen?
Heißt das, dass 90 % dieser Patienten falsch behandelt wurden?
So würde ich die Frage nicht beantworten wollen. Ich würde vielmehr sagen, dass diesen Patienten möglicherweise effektive konservative Behandlungsmaßnahmen nicht in dem individuell notwendigen Umfang angeboten wurden oder dass geeignete minimal invasive Wirbelsäuleneingriffe nicht in die Behandlungsstrategie einbezogen worden sind.
Sie haben sich der Operationsvermeidung verschrieben. Hand aufs Herz: es gibt doch sicher Grenzfälle, bei denen sich dies nicht mehr verhindern lässt. Wie reagieren Sie in Ihrer Praxisklinik darauf methodisch und personell?
Wie oben schon erwähnt, gibt es eindeutige Verläufe von Bandscheibenvorfällen, die unbedingt operativ versorgt werden müssen. Dies betrifft Patienten, die unter einer neurologischen Ausfallsituation bei vorliegendem Bandscheibenvorfall leiden, d.h. Patienten, die beispielsweise eine Gehschwäche, eine Fußheberschwäche oder eine Kniebeugeschwäche entwickeln. Dies heißt aber auch, dass Patienten mit Blasen- und Mastdarm-Störungen einer operativen Intervention zugeführt werden müssen. In diesen Fällen überweisen wir selbstverständlich die Patienten umgehend in eine spezialisierte orthopädische bzw. neurochirurgische Abteilung.